07/09/2026 0 Kommentare
Musikalische Vesper
Musikalische Vesper

Im Zentrum der heutigen „Musikalischen Vesper“ steht J. S. Bachs klangschöne Kantate Nr. 32 „Liebster Jesu, mein Verlangen“ für Sopran, Bass, Oboe, Streicher und Basso continuo, die Bach 1726, also vor 300 Jahren uraufgeführt hat.
Der Kantatentext knüpft an die Geschichte vom 12jährigen Jesus an, der von seinen Eltern gesucht und schließlich im Tempel gefunden wird (Lk 2,41-52) und verbindet die Thematik des Verlierens, Suchens und Findens mit der innigen Liebesmystik des Hohenliedes Salomons. So entsteht ein allegorischer Dialog zwischen der gläubigen Seele (Sopran), die ihren Heiland sucht und Christus (bei Bach üblicherweise durch den Bass verkörpert).
Die Eröffnungsarie für Sopran, Oboe und Streicher in e-Moll gehört zu den ergreifendsten himmlischen Klageliedern in Bachs Werk. Über ruhig ansteigenden Streicherakkorden entwickelt die Oboe eine wunderschöne Obligatostimme, deren seufzende und dann wieder suchende Motive von der Sopranstimme aufgegriffen werden, um schließlich bei der Textstelle „erfreue mich“ in ausgelassen fröhliche und virtuose 32stel-Koloraturen zu münden, mit denen sich Singstimme und Oboe umspielen.
Die Antwort des 12jährigen Jesus auf die Vorhaltungen seiner verzweifelt suchenden Eltern wird in einem kurzen Bass-Rezitativ wiedergegeben und findet seine lyrische Fortsetzung in der folgenden Bass-Arie in G-Dur mit obligater Violine, die über der menuetthaften Bassmelodie ihre eigene virtuose Motivik entfaltet. Hier kommt nun die Zuversicht des Findens zum Ausdruck (nur beim Wort „betrübter Geist“ nimmt die Melodie jeweils ein kurze Wendung nach Moll) und der Tempel, das Haus Gottes, wird mit dem Herzen der gläubigen Seele als Wohnstatt Christi gleichgesetzt.
Nach den beiden Solo-Arien treten in dem folgenden, von den Streichern begleiteten Rezitativ die Seele und Christus in ein Zwiegespräch, in dessen Verlauf Bezug auf Psalm 84 („Wie lieblich ist doch deine Wohnung, Herr, starker Zebaoth“) genommen wird, um schließlich in ein D-Dur-Duett voll ausgelassener Freude zu münden, bei dem sich auch beide Soloinstrumente (Oboe und Violine) kunstvoll und fröhlich umspielen: „Nun verschwinden alle Qualen, nun verschwindet Ach und Schmerz!“. Beschlossen wird die Kantate von einem schlichten vierstimmigen Choral; bei Bach üblicherweise die resümierende Antwort der Gemeinde auf das Gehörte. Dies möchten wir in unserer musikalischen Vesper wörtlich nehmen und den Choral „Mein Gott, öffne mir die Pforten“ (Text: Paul Gerhardt, Melodie: Louis Bourgeois) zusammen mit der anwesenden Gemeinde vierstimmig singen.
Desweiteren erklingen in der musikalischen Vesper zwei Sätze des Konzerts für Oboe und Streicher d-Moll, op. 9 des venezianischen Barock-Komponisten und Bach-Zeitgenossen Tomaso Albinoni und eine Vertonung des 103. Psalms („Lobe den Herren, meine Seele“) für 2 Singstimmen, 2 Violinen und Basso continuo des frühbarocken Meisters Andreas Hammerschmidt. Zum Schluss singt die Gemeinde den 4stimmigen Bachchoral „Von Gott kömmt mir ein Freudenschein“ (aus BWV 172).
Unter der Leitung unseres Kantors Burkhard Geweke musizieren:
Ariane Möller (Sopran), Volker Perret (Bass), Eva-Maria Liebe / Annika Liebe (Oboe), Beate Corßen und Marine Babakyan (Violine), Lilith Mkhitaryan (Viola), Michael Corßen (Violoncello), Juha Krudup (Kontrabass) und Andrea Schwager (Orgelpositiv).
Die Predigt hält der Lemgoer Medizinethiker, Theologe und Chefarzt a.D. Prof. Dr. Fred Salomon. Darin möchte er die Aussage des Wochenspruchs „Alle Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch“ und das Thema von Suchen und Finden in der Kantate mit der Lebenssituation unserer Zeit in Verbindung bringen.
(vp2026)

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